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Dienstag, 10. März 2009

III. Blut und Geister

Lange nachdem der Gott gestorben und die Welt in die Finsternis gefallen war, erschienen die Menschen.

Sie wussten, dass der Abgrund der Ursprung allen Lebens war, sie konnten es spüren. Doch die Menschen wussten nichts vom Herz des Gottes das im innern der Erde lag. Sie glaubten die Geister, die aus der Dunkelheit empor stiegen, hätten die Welt geformt.

Sie begannen die Geister zu verehren und brachten ihnen Opfergaben dar.


Wie einst der Gott, opferten Sie das wertvollste das sie hatten.


Das Leben selbst.


Das Blut floss hinab in die Dunkelheit.


Hinab in die scheinbar unendlichen Tiefen des Abgrunds.

Dienstag, 24. Februar 2009

II. Wie das Leben in die Welt kam

Lange trudelte die Erde durch die Finsternis.

Durch den Sturz war die Naht aus Mondlicht zerrissen und das Herzblut ihres Erschaffers sickerte hinaus. Es floss über die Welt und gab ihr Leben.


Der Abgrund wurde zum Nabel der Welt. Hier wurde Leben und Magie geboren, alles fand hier seinen Anfang und alles würde hier wieder enden.

Hier, am Nabel der Welt, wurden die Geister geboren.

Dienstag, 1. April 2008

I. Wie die Welt geschaffen wurde

Einst, zu einer Zeit vor unserer Zeit, als selbst die Götter noch jung waren, verliebte sich ein junger Gott in einen Stern.
Er verliebte sich in ihren hellen Glanz, in das Strahlen ihrer Augen und in die Sanftheit ihres Lichts. Er sang Lieder für sie, schenkte ihr ein Kleid aus Licht und Dunkelheit und kniete lange zu ihren Füßen. Doch das Sternenmädchen würdigte ihn keines Blickes.
Doch der junge Gott wollte um jeden Preis ihr Herz gewinnen und so schenkte er ihr das wertvollste was er hatte – Sein Herz.


Der junge Gott schlug sich eine Hand hab, schmolz die Knochen im Feuer der Sonne und schmiedete sie. Die neu geschaffene Erde kühlte er mit den Tränen des Kummers bis sie kalt und starr war.
In diese Hülle bettete er sein noch schlagendes Herz und verschloss die Naht mit einem Faden aus Mondlicht.



Mit diesem Geschenk trat der junge Gott vor den Stern.
Doch das Sternenmädchen wollte nichts von ihm wissen, sie wollte kein Geschenk. Sie verstand nicht was sie mit einer toten Kugel die eine Krüppel ihr schenkte sollte, sie verstand die Liebe des armen, jungen Gottes nicht.
Der Gott erbleichte bei dieser Schmähung, sank auf die Knie und starb zu ihren Füßen an Kummer und Verzweiflung.
Die Erde, die sein Herz in sich barg, entglitt seinen Fingern und fiel in die Dunkelheit.

Samstag, 18. März 2006

Tag für Tag

Die Sonne erhob sich über den Horizont, wurde widergeboren aus der Dunkelheit der Nacht um ihr Licht und die Wärme in die Welt zu bringen. Sie begann einen neuen Zyklus der mit ihrer Geburt am Horizont anfing und mit ihrem Untergang am selbigen endete.
Ihr Licht floss über das Meer bis es das Ufer erreicht hatte, um dort, gleich einer Eidechse, die Mauern des Palastes empor zu kriechen. Meter für Meter kroch es hinauf, bis es endlich eins der großen Fenster erreicht hatte. Endlich einen Einlass gefunden, schwang es sich, von den Buntglasscheiben wenig behindert, über das Fensterbrett ins Innere. Es tröpfelte langsam, leise aber stetig hinüber um auf dem Boden seinen Weg fort zu setzen. Gleich einer Armee aus Licht schritt es auf seinem Weg voran, mit sich bringend den neuen Tag.
Sein Weg wurde abrupt gestoppt als es auf ein Hindernis traf. Doch nicht lange hielt es sich auf, unbeirrbar machte sich das Licht daran sein Hindernis zuklimmen. Es kletterte hinüber, erhellte und entlarvte es als Mensch der auf dem Boden schlief.
Morpheus, der die Gestallt bis eben in den Armen gehalten hatte, zerfloss, vom Licht aufgelöst zu wabernden Dunst der sich langsam lichtete.
Der Mann auf dem Boden gab ein unwilliges Murren von sich, die Augen blieben trotzig verschlossen und die geschwungenen Augenbrauen zogen sich zusammen. Der schlanke Körper krümmte sich zusammen, rollte sich ein, als wolle er die letzten Reste des Schlafes einschließen und bei sich behalten. Doch diese stoben verschreckt auseinander als draußen ein Seevogel seinen schrillen Schrei ertönen ließ.
Darius schlug nun doch die Augen auf, dieses schrille Gekreisch des Vogels machte ihn wütend, zu wütend um weiter zu schlafen. Was viel diesem Vieh ein um diese Uhrzeit solchen Lärm zu machen! Es war schon schlimm genug das er vergessen hatte am vorigen Abend die Vorhänge zu zuziehen und so mit dem ersten Licht des Tages erwachte. Dieses hatte seinen Feldzug weiter fortgesetzt und tauchte das Zimmer klares, zartes Morgenrot, malte harte Schatten an die Wände und hauchte sanftes Rosé auf den Himmel.
Grüne Augen blinzelten dem neuen Tag entgegen, noch unwillig sich an die Helligkeit zugewöhnen. Mit einem Seufzen ihres Besitzers schlossen sie sich wieder. Ein weiter Tag, ein weiter Tag voll Langeweile und Nichtstun. Noch dazu einer der früher begann als er eigentlich sollte. Wie lange ging das nun schon? Monate? Ein halbes Jahr? Ein Ganzes? Darius wusste es nicht mehr, er hatte irgendwann aufgehört die Tage zu zählen. Seit sein letzter Besitzer gegangen war, war eine Ewigkeit vergangen und kein Neuer war erschienen. Was war los? Hatte man ihn vergessen oder war sein Key verloren gegangen? Wahrscheinlich. In Darius Kopf bildete sich das die Vorstellung wie sein Key vergessen in einer Kiste oder Schublade verstaubte. Oder gar schlimmer, er auf dem Meeresgrund versunken lag oder in einer Höhle zwischen Kies und Geröll steckte. Die Vorstellung spann sich in der Gedankenwelt von Darius weiter, niemand würde kommen, weil niemand den Schlüssel zu seinem Zimmer hatte und er würde hier harren. Warten, warten und warten, bis er eines Tag alt und verwelkt sterben würde oder wenn nicht am Alter, dann an Langeweile!
Blödsinn!
Ein dunkles Knurren stieg die Kehle des Jungen Mannes hinauf, brachte sie zum vibrieren um dann über schmale Lippen zu entschlüpfen. Sich Selbst einen Dummkopf scheltend stand Darius auf. Das war nun wirklich übertrieben! Bestimmt lag sein Schlüssel in irgendeinem Kästchen, sicher aufbewahrt, wartend darauf das ihn jemand fand der wusste was er wert war. Früher oder später würde sicher jemand kommen!
Aber was sollte er bis dahin tun?
Es war früher Morgen, die Sonne war noch nicht einmal richtig aus dem Meer emporgestiegen. Viel Zeit hieß es verbringen, doch nichts gab es, was er hätte tun können um Chronos ein Schnippchen zu schlagen, es gab einfach nichts mehr. Darius hatte alle Bücher gelesen die sich in der massigen Schrankwand stapelten, er hatte sie entstaubt, sortiert und bei manchen sogar die abgegriffenen Buchrücken repariert. Er hatte sich selbst Schach beigebracht, gegen sich selbst gespielt bis selbst das keine Ablenkung mehr war.
Nun verbracht Darius Tag für Tag damit dösend auf dem Sofa oder dem beheizend Fußboden zu liegen, schläfrig vor sich hin dämmert, die Wärme genießend die von Sonnenlicht oder Beheizung ausging und ihn umgarnte. Doch immer öfter spürte er das Gefühl der Lethargie, das Nachlassens seines Geistes. Wenn er weiter in diesen Zustand des Nichtstuns verweilte würde er sich bald ganz der Lethargie ergeben und nie wieder aufwachen.
Von dieser Aussicht bedrängt, begann der junge Mann im Zimmer auf und ab zu schreiten, gleich einem Raubtier das unruhig an den Gitterstäben entlang streifte, ein großer Wille der eingepfercht unruhig auf den Moment der Flucht aus seinem Gefängnis wartet. Ein Gefangener war er, ja, zwar nicht in diesem Zimmer, wohl aber im Palast. Er war das Raubtier, die Mauern seine Gitterstäbe.
Schweigend schritt er die Strecke von einem Schrankwandende zu anderen auf und ab. Auf und ab. Immer wieder, unruhige aber geschmeidige Schritte trugen den hochgewachsenen Körper, ließen das fließende Gewand wehen, kein Laut war zu hören wenn die baren Füße auf den dicken Teppich aufsetzten. Auf und ab.
In einem plötzlich Satz brach Darius aus seiner immer gleichen Laufbahn aus, machte drei, vier ausgreifende Schritte um Schwung zu holen und sprang von hinten über die Sofalehne. Seine kräftigen Beine spannten sich an als er in der Hocke auf dem großen Sofa landete. Dieses gab ein bedrohlich ächzendes Geräusch von sich, als würde es bei weiter Belastung entzweibrechen, doch nichts geschah.
Die grünen Augen, die bis eben noch, düster in die Welt geblickt hatten wurden ausdruckslos, als der Mann den samtigen Stoff des Bezugs unter seinen Füßen spürte. Keinen Finger rührte er, kein Muskel zuckte verräterisch im schönen Gesicht des Mannes. Wäre da nicht das leichte sich Heben und Senken der Brust gewesen, so hätte man ihn auch für eine schön gemeißelte Statur halten können.
Die Augen weiter auf einen unbestimmten Punkt gerichtet, den Blick leer, neigte er leicht den Kopf in Richtung der Fenster. Die Sonne hatte sich nun vollends aus dem Meer erhoben und ihr warmes Licht flutet durch die großen Bundglasfenster in den Raum. Malte ein orange-rotes Feuerspiel auf die Gestallt auf dem Sofa, erweckte das Feuerspiel des Wandfrieses zum Leben und zauberte einen Funkensturm in das lange Haar, welches sich beim Sprung aus dem Zopf gelöst hatte und nun ungehindert in langen Wellen über den Rücken des Mannes, der dort selbstvergessen vor dem Fenster hockte, fiel.
Darius genoss die Strahlen die seine Haut wärmten. Er ließ sich, genießerisch die Augen schließend nach hinten sinken, streckte den langen Körper aus und rekelte sich bis er seiner Meinung nach bequem genug lag um länger so zu verweilen.
Draußen schrie wieder schrill ein Seevogel, wahrscheinlich der selbe der ihn heut morgen aus dem Schlummer gerissen hatte. Mistvieh! Als wolle dieser Vogel ihn davon abhalten wieder einzuschlafen.
Vielleicht war es ja gar kein Vogel der da schrie, sonder ein Mensch, ein hübsches Mädchen, von einer eifersüchtigen Rivalin im Kampf um einen schönen Jüngling in einen Vogel verwandelt. Und nun, von ihrem Liebsten getrennt, schwebte dieses Mädchen über den Klippen, zog ihre unendlichen Kreise und schrie ihre Trauer hinaus auf das Meer.
Welch reizend traurige Geschichte!
Darius schlug die Augen auf, sprang, von einer Welle aus Taten- und Willensdrang gepackt auf, hastete zu den wuchtigen Schränken, zog eine der Schubladen auf, griff sich die darin aufbewahrten Schreibutensilien und lief wieder zum Sofa zurück. Dort angekommen ließ er sich sogleich auf den Boden nieder, legte mit eifrigem Blick Papier und Feder vor sich hin, um noch schnell seine langen Haare zu bändigen, da diese ihn sonst beim Schreiben behindern würden. Flink und geschickt flochten seine schlanken Finger die Strähnen in einander und verschnürten das Ende des Zopfes mit einem Lederband.
Endlich soweit anzufangen griff Darius zur Feder und setzte sie voller Entschlossenheit aufs Papier um seiner Idee von einer Geschichte Form und Worte zu verleihen, doch er stockte. Seine Hand wusste nicht was sie tun sollte, sein Kopf hatte keine Worte für sie, die sie aufs Papier hätte bringen könnten. Ihm fiel einfach nichts ein! Da war die Idee in seinem Kopf, der Kern für diese traurig-schöne Geschichte doch die Worte die sie erzählen sollten, wollten nicht kommen. Es war zum verrückt werden! Da hatte er einen Einfall um sich die endlose Zeit zu vertreiben und dann machte ihm sein eigener Kopf alles zu Nichte.
Darius krampfte die Finger um den Federgriffel, drückte die Spitze auf das Papier bis sie sich verbog und einen großen Tintenklecks hinterließ. Vielleicht lag es daran das diese Geschichte niemand hören würde, das er sie einfach nur schreiben wollte um sich das Warten zu erleichtern und nicht um jemanden damit zu erfreuen. Aber wem sollte er sie denn erzählen, es war doch niemand da der sie hätte hören können! Niemand kam um seinen Erzählungen zu lauschen, niemand der mit ihm auf Wanderschaft durch Märchen und Legenden ging.
Die langen Finger hielten immer noch die Feder umschlungen, umklammerten sie mit eisernem Griff.
In einem heftigen Ansturm von Wut warf Darius die Feder von sich. Sie prallte klappernd gegen das Fenster und viel in einem Regen von blauer Tinte zu Boden. Die Tinte glitzerte kurz im Licht der mittlerweile untergehenden Sonne, gleich einer Handvoll blauer Juwelen die jemand in die Luft geworfen hatte, dann waren sie verschwunden, verschluckt vom Teppich der sie gierig wie ein Durstiger Wanderer aufgesogen hatte.
Der junge Mann dessen Augen nun umwölkt und düster in die Welt starrten Stand ruppig vom Tisch auf, doch seine sonst so eleganten Bewegungen gerieten ins stocken als sich einer seiner Füße in dem wallenden Gewand verhedderte.
Mit einem wütenden Aufschrei verlor Darius das Gleichgewicht, versucht noch mit rudernden Armen es wieder zu erlangen, kippt dann aber doch zur Seite weg. Mit einem Dumpfen Geräusch ging er zu Boden, sein linker Fuß verdreht sich und ein Knie schlug schmerzhaft gegen die Ecke des Tisches.
Sich von seiner Wut mitreißen lassen entrang sich dem Mann ein lautes Knurren, das in einen hitzigen Aufschrei endete. Wütend über seine eigene Ungeschicktheit strampelte sich Darius hastig und wenig elegant aus seiner Kleidung frei, dabei sich selbst und den Tisch wüst beschimpfend. Immer wieder nach Tisch und Kleidung treten rutschte er ein Stück vom Tisch weg, schmiss einen Krug der auf dem stand herunter der mit lautem Scheppern zu Bruch ging und Darius noch rasender machte. Nun vollends von der Wut gepackt wollte er aufstehen und den Tisch, der ihm soviel Unmut bescherte entzwei schlagen, doch in seiner Raserei verhedderte er sich abermals in seiner weiten Kleidung und viel sogleich wieder zu Boden.
Plötzlich war alle Wut verraucht, erstickt an einer plötzlich Erschöpfung die über ihn einher viel wie ein Schwarm Heuschrecken über ein Getreidefeld. Eine einfach Ergebenheit seine Situation lähmte seine Glieder, ließ sie ermattet zu Boden sinken und erstickte allen Zorn.
Müde starrte Darius zum Fenster hinter dessen bunten Scheiben die Sonnen langsam im Meer versank, den Kreislauf beendend den sie am Morgen begonnen hatte. Blutrotes Licht leuchtet noch einmal auf dem Haar des Mannes auf der sich nun, erschöpft und müde auf dem Boden zusammen gerollt hatte.
Darius spurte wie die letzten Strahlen des Tages eine Haut wärmten, ehe er ergeben die Augenschloss um auf den Schlaf zu warten der ihn von einem Tag zum anderen führte. Wartend lag er da, wartend auf den Schlaf, wartend auf einen neuen Tag, wartend darauf das endlich jemand kam um ihn von dieser endlos erscheinenden Langeweile zu befreien.
Mit diesem Gedanken und den langsam ersterbenden Sonnenstrahlen auf der Haut schlief Darius ein.



[ für Jojo]

Dienstag, 4. Oktober 2005

Flammendroter Tod

Wir kamen über die Menschen wie die vier Reiter der Apokalypse persönlich.
Sein Haar war so lang, wie ein flammendroter Umhang umspielte es seine dunkle Gestalt, griff mit feinen Fingern nach dem Wind, der sich ihm entgegenstellte.
Seine raue Stimme wollte so gar nicht zu den feinen Gesichtszügen, der makellos weißen Haut, die nur wenige Nuancen dunkler als Schnee wirkte, passen. Erfüllt von Hass und makabren Genuss tönte sie über das weite Feld.
Einzig die glühenden Augen spiegelten die Abgründe seiner Seele wider. Weit aufgerissen in seinem Wahn, schienen sie hervorzuquellen, die Iris schwarz und ohne Pupillen, verdreht in höllischer Freude, die Lider bis hoch zu den dünnen, dunklen Brauen grau geschminkt. Irre lachend, sich auf die Menschen stürzend, ihre Kehle mit den Zähnen zerreißend, war er denn überhaupt noch der, der er vor wenigen Stunden gewesen war?
Seine ganze Mimik verriet den Geisteskranken in ihm.
Und wir folgten, wir liebten ihn.
Erfüllt von boshaftem Vergnügen rannte er über das Feld, die Menschen, die wir für ihn dort Zusammengetrieben hatten, stoben in Panik wie aufgescheuchte Hennen, die der Rotfuchs erschreckt hatte, davon. Er machte es zum Spiel, ihnen den Weg zu verstellen, wenn sie versuchten, auszuweichen, liebte es, ihre Seele mit seinem Wahnsinn zu zerstören. Schließlich hatte er sie alle zu einem einzigen Haufen zusammengedrängt, mit kleinen Gesten Angriffe vortäuschend, sich an ihrer Angst labend.
Nur uns dreien, seinen Untergebenen, blieben die schnellen, absichernden Blicke zu allen Seiten nicht verborgen. Er fühlte sich nicht sicher wie sonst.
Plötzlich verdunkelte sich seine Miene, seine Augen versprühten den Hass, den er verspürte und griff nach einem Mann, riss ihn zu Boden und setzte sich auf ihn, nagelte ihn mit den Knien auf seinen Schultern geradezu an die feuchte Erde. Noch einmal blitzten die glühenden Kohlen, die aufgerissenen Augen vor Wut und Empörung auf, dann senkte er schon den Kopf und legte die langen Fangzähne an die Kehle des Opfers.
Das dunkle Kleid wurde beschmutzt, als das Blut von den Lippen unseres Meisters troff, während er sich aufrichtete und ein Stück von der sich windenden Gestalt am Boden zurücktrat.
Leise lachend, die Zunge herausstreckend, rot war sie, befleckt die Lippen und die weiße Haut.
Er legte die Hand an sein Gesicht, den Kopf in den Nacken, das Gesicht ausdruckslos, ohne jegliche Emotionen lachte er weiter, grub die langen Fingernägel in seine Schläfen.
Ich musste unwillkürlich an eine auf das Äußerste provozierte Katze denken, als er wieder auf die Menschen zusprang, geduckt, die schlanken Finger zu Klauen geformt. Könnten Blicke allein töten, würde niemand mehr leben. Die Nase im Zorn kraus, die Augen zu schmalen Schlitzen verengt, wie eine Katze, er wirkte wie eine Katze, die sich jeden Moment auf ihre Gegner stürzen würde.
Doch schon im nächsten Moment entspannten sich seine Züge, er wirkte wieder unschuldig wie ein Kind. Nur das Blut, das von seinem Kinn troff, störte diesen Eindruck.
Und wieder diese absichernden Blicke.
Er legte noch einmal den Kopf in den Nacken, schrie allen Zorn und Hass aus ihm heraus, schrie, unmenschlich, er heulte, er heulte wie ein Wolf. Er tanzte und sprang, erfüllt von der Freiheit, die wie Feuer seinen Körper und Geist umgab.
Einen Wimpernschlag, ehe wir die Stimme hörten, fuhr er herum, duckte sich, sprungbereit.
"Hör auf."
Vor Angst zog sich mein Herz zu einem kalten Klumpen zusammen. Der reinste aller Engel, blütenweiße Schwingen, goldenes Haar, mit einem Kleid aus Sternenlicht, er stand vor ihnen, jetzt, er war hier, hier, hier bei uns!
Saphirblaue Augen musterten meinen Meister kühl.
"Warum?" Er strich sich eine Strähne seines roten Haares aus der Stirn und zupfte den Stehkragen seines Kleides zurecht. "Willst du dich in meine Angelegenheiten einmischen? Willst du das, Morgenstern?"
Der Engel lachte leise. "Du kannst mit den Menschen machen, was immer du willst. Aber denkst du nicht auch, es ist etwas übertrieben, sie alle zu bestrafen, weil einer von ihnen dir versehentlich Wasser über dein Gewand geschüttet hat?"
Er leckte sich genüsslich mit der Zunge über die blutigen Lippen und sagte nichts. Das zufriedene Glitzern in seinen Augen war Antwort genug.

Donnerstag, 28. April 2005

Ratlos irre ich durch die Welt meiner Gedanken...

Ich höre das dumpfe Klacken der Tasten, wenn meine Finger auf sie einhämmern.
Hände, zwei Spinnen gleich, huschen über die Tastatur, greifen wie Oktupusse um sich und strecken ihre Tentakeln nach den Buchstaben aus, fangen sie ein und werfen sinnlose Worte auf den flackernden Monitor.
Mein Kopf ist leer und schmerzt. Mir ist, als hätte jemand einen glühenden Dolch genommen und ihn in meinen Schädel gerammt, jedoch vergessen, ihn wieder herauszuziehen.
Heiße Wellen des Schmerzes durchzucken mich, ein ständiges Auf und Ab.

Ein leises Stöhnen entkommt meiner Kehle. Still. Sei still.
Meinem Verstand gelingt es nicht mehr, meine Hände zu kontrollieren... lass sie gehen, lass sie tun was sie wollen.
Ich muss noch ein Kapitel zu Ende bringen. Sie erwarten es. Sie drängen mich. 'Schreib weiter, wir wollen lesen!' Ihre Stimmen hallen in meinem Kopf wider, ein weiterer Weißglühender Blitz aus Schmerz fährt quer durch ihn hindurch.
Lass es endlich vorbeigehen, bitte.
Leise seufzend öffne ich das unfertige Kapitel, kneife meine Augen leicht zusammen. Das weiße grelle Licht, das der Monitor wiedergibt tut weh.
Unstete Gedankenfetzen geistern durch mein Hirn.
Vor meinem geistigen Auge sehe ich, wie der Handlungsstrang weitergehen soll, die Figuren ziehen vorüber und sagen meinen Händen, was sie jetzt tun sollten. Es ist ein guter Moment um Weiterzuschreiben. Leise lächelnd greife ich nach der Fernbedienung und kurz darauf ertönt die Stimme von Ishihara Shin'ichi, wie leise Schluchzer ziehen seine Lieder durch den Raum.
Meine Finger senken sich auf die Tastatur.
Als wäre ein Schalter in meinem Kopf umgelegt worden, erlischt jede Idee, die mein Kapitel vorangebracht hätte. Die Charaktere, die ich eben noch so klar und deutlich vor mir gesehen habe, verschwimmen, scheinen mich noch spöttisch anzugrinsen, ehe sie ganz in die Dunkelheit meiner Ideenwelt entschwunden sind.
Seufzend lehne ich mich zurück.
Ich höre die Stimme Ishiharas, sie verhöhnt mich. "Dô sureba ii?"
Gute Frage. Was soll ich tun?
Meine Gedanken sind bei dir, sind bei dir und nirgendwo.
Kann mich auf nichts konzentrieren, außer auf die Sehnsucht nach dir. Pochender Schmerz in meinem Schädel, ständiger Begleiter, selbst wenn meine Laune nicht in finstere Abgründe gesunken ist und ich mit dir rede.
Ich fahre mit den Fingerspitzen durch meine Haare. Strähnig, widerspenstig. Unschön anzusehen, wie überhaupt meine ganze Erscheinung.
Mir fehlt die Kraft, etwas zu tun. Meine Energiereserven sind bald erschöpft, ich zehre jetzt schon von den letzten Reserven.
Ohne dass ich es bemerkt habe, hat sich zuviel in mir angestaut, Dinge, für die ich mehr Zeit und Kraft brauche um sie zu bewältigen als ich noch habe. Schon einmal brach der Damm, doch es brachte keine Erleichterung.

Ich danke dir... du hilfst mir so sehr. Ich bitte alle Götter, von denen ich je gehört habe inständig darum, dass sie dich immer schützen mögen.
Dir soll nie etwas zustoßen... niemals.
Das hartnäckige Pochen in meinen Schläfen lässt mich aus meinen Gedanken aufschrecken. Wann ist das endlich vorbei?
So viele Leute kommen zu mir und erzählen mir, was sie bedrückt. Ich höre geduldig zu und freue mich über ihr Vertrauen.
Ich weiß, ich kann mir das eigentlich nicht leisten, mir auch die Bürde von anderen auf die Schultern zu laden, aber es macht mich kaputt, wenn ich es nicht kann.
Ich versuche ihnen zu helfen... und doch ist es anders, als wenn du mit mir redest...
Schon wieder... meine Gedanken driften unaufhörlich zu dir ab.
Im Grunde genommen stimmt nicht einmal das.
Wie können Gedanken von etwas abdriften, das nicht da ist?
Ich kann mich nicht konzentrieren... was ist nur los...

Nagender Zweifel, der mir weismachen wollte, er sei die Vernunft, die zu mir spricht. Verjagt habe ich ihn, wirst nie zurückkehren in meine Gedanken.

Aber was tue ich überhaupt?
So viele Fragen schweben durch meinen Kopf, erfolgreich abgewehrt von dem pulsierenden Schmerz.

Was will ich?

Was will ich nicht?

Wo will ich hin?

Warum das alles?

Ich finde keine Antwort. Kein Rätsel bleibt mir lange genug präsent um die Lösung zu finden... so irre ich weiter ratlos durch die Welt meiner Gedanken.